Walther und Walter: vom Wort zur Tat

Eigentlich bin ich ja so überhaupt keine Freundin von Mahnmalen und vergleichbaren Gedenkstätten. Zum einen erinnern sie, wenngleich indirekt und unbeabsichtigt, an Mordgesindel und zum anderen daran, dass viele andere Menschen versagt haben.

Denkmal für Walther Rathenau im Grunewald

Bild: Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Das trifft auch auf den Gedenkstein in der Koenigsallee / Erdener Straße zu. An der Stelle wurde heute vor 97 Jahren der damalige Außenminister Walther Rathenau erschossen. Verantwortlich waren die – sie haben es nicht verdient, dass ihre Namen erwähnt werden – Verbrecher mit dem Maschinengewehr und der Handgranate. Das ist allerdings die verkürzte Variante, denn an der Vorbereitung waren sehr viele andere beteiligt. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben sie weniger behauptet, besorgte Bürger zu sein, denn Patrioten. Gewiss hatten es viele von ihnen – es war 1922 – nicht leicht, was aber nicht für diejenigen galt, die am Lautesten Hass, Missgunst und Verschwörungsmärchen aller Art verbreiteten und dabei leider viel zu viel Gehör bei weniger Informierten fanden. Es ist wohl auch einfacher, die Schuld für Missstände und Probleme nicht dort zu suchen, wo sie entstehen oder gar sich für Verbesserungen einzusetzen. Da hetzt es sich doch besser wahllos gegen Minderheiten oder wer sich sonst gerade als „Zielscheibe“ der Saison anbietet, egal wie absurd die geäußerten Vorwürfe auch sein mögen. Und dann wird auch schon einmal ein Gegner des Waffenstillstands 1918 als Mitverantwortlicher für den legendenhaften „Dolchstoss“ diffamiert und mit allen damals gängigen antisemitischen Klischees bedacht. Karikaturen, Pamphlete, Schmähgedichte und was dergleichen mehr gegen Walther Rathenau im Umlauf waren, unterschieden sich nur in den genutzten Medien von dem, was wir heute als „Hate Speech“ kennen.

Ob der damalige Außenminister ein angenehmer Mensch war, lässt sich nicht mehr feststellen und wir kennen von ihm unter anderen auch sehr fragwürdige Ansichten und Handlungen. Um diese ging es der Mörderbande und ihren Hinterleuten auch gar nicht, sondern darum Hass, Angst und Zwietracht zu befördern und die gerade erst entstandene Demokratie zu zerstören. Genau das ist auch die Absicht ihrer Söhne und Töchter im Geiste, die erst vor wenigen Wochen einen anderen Walter, nämlich Regierungspräsident Lübcke in seinem Garten erschossen. Und auch hier hat nicht nur der Mörder den Abzug der Waffe betätigt. Wenngleich nicht persönlich anwesend, so doch indirekt mit dabei waren Alle, die Schlagzeilen mit mehr oder weniger großen Buchstaben, ohne Rücksicht auf deren Wirkung und Wahrheitsgehalt, produzieren, Alle, die jedes noch so absurde Gerücht im Netz oder auf der Strasse weiterverbreiten und Alle, die jede Herabwürdigung, so lange sie nur ins eingeschränkte Weltbild passt, begeistert glauben.

Wenn dieses Denkmal im Grunewald irgendeinen Sinn haben soll, dann den, dass man sich daran erinnert, was Hass und Hetze bewirkt und dass es sich nicht um irgendetwas aus irgendeiner fernen Vergangenheit handelt. Nein, auch wir sind nicht bessere Menschen und mit dem Lernen aus der Geschichte hat es anscheinend nur teilweise geklappt. Nicht antisemitisch zu sein (oder nicht sein zu wollen) reicht nicht, wenn statt dessen die nächstbeliebige Gruppe, beispielsweise Geflüchtete und diejenigen, die sie unterstützen, zu Sündenböcken erklärt werden – oder welche traditionell oder erst jetzt diskriminierte Minderheit auch immer.  Es beginnt mit Worten und endet, 1922 wie 2019, blutig. Es gilt also, rechtzeitig achtsam zu sein und einzugreifen. Sich selbst zu informieren, gegen Verleumdungen anzureden oder zu -schreiben, Legenden richtigzustellen kann jeder und jede. Und nein, Uploadfilter und dergleichen sind auch an der Stelle absolut ungeeignet, wie sich bereits bei verschiedenen Gelegenheiten deutlich gezeigt hat. Hier aktiv zu sein, schaffen wir alle und sind in der Pflicht. Denn, wie gesagt, ich mag keine Denkmäler – und mögliche neue schon gar nicht.

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