Gedanken zu Wohnformen von 1901 – auch etwas für die Zukunft?

Nicht erst seit gestern machen sich Menschen Gedanken über’s Essen, woher es kommt und wie es zubereitet werden sollte – aktuell auch auf der gerade zu Ende gegangenen Internationalen Grünen Woche in den Messehallen, aber auch quer durch allen Medien und meist in Zusammenhang mit dem akuten Thema der Klimaveränderungen. Erstaunlicherweise wird dabei häufig auf die Vergangenheit hingewiesen und diese dabei gerne romantisch ausgeschmückt.

Allerdings hat es auch vor 100 Jahren die fröhliche Familienmutter, die ihr frisch im Garten geerntetes Gemüse entspannt zu einer schmackhaften Suppe verarbeitete, höchstens in seltenen Fällen gegeben und in der rapide wachsenden Stadt Berlin erst recht nicht. Der fast ausschließlich von Frauen zu erledigende Haushalt war Schwerarbeit, oft auch nach einem langen Arbeitstag eine Plage in ungeeigneten Räumen und auf den Tisch kam, wofür das Geld gerade reichte.  Die Welt,  die Heinrich Zille in unserem Bezirk zeichnete, war keine erstrebenswerte.  Sie für alle Menschen lebenswert zu machen war folglich ein wichtiges Anliegen  und gerade zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden gerade in Großstädten viele neue Ideen entwickelt. So entstanden auch in Berlin der soziale Wohnungsbau und Genossenschaftssiedlungen und Fragen nach deren Gestaltung. Daran waren besonders die verschiedenen Strömungen der damaligen Frauenbewegung interessiert.

Lily Braun Eine Vorkämpferin für Frauenrechte war Lily Braun (1865 – 1916), nach der ein Sitzungssaal in unserem Rathaus benannt ist. Besonders am Herzen lagen ihr neben Forderungen nach radikaler Arbeitszeitverkürzung auch neue Formen des Zusammenlebens. So entstand 1901 das Modell des “Einküchenhauses”. Erstmalig stellte sie ihr Konzept einer Hauswirtschaftsgenossenschaft in einem Referat vor einem der damaligen Arbeiterinnenbildungsvereine in Berlin und in ihrer Schrift „Frauenarbeit und Hauswirtschaft“ vor. Darin beschrieb sie einen Häuserkomplex mit etwa 50 – 60 Wohnungen, von denen keine eine Küche enthielt; nur eine Art kleiner Kochnische. Statt dessen sollte es eine Zentralküche mit modernster Technik geben und auch eine gemeinsame Waschküche. Die Mahlzeiten würden, je nach Wunsch, in einem Speisesaal eingenommen oder über Aufzüge in alle Stockwerke befördert. Vorgesehen waren ebenfalls eine arbeitssparende Zentralheizung, ein Garten mit Spielplatz, Kinderbetreuung, Lese- und andere Gemeinschaftsräume und eventuell Reinigungsdienste für die Wohnungen.

Dies alles sollte entweder in genossenschaftlicher Selbsthilfe oder durch Staatshilfe entstehen. Lily Braun erhoffte sich davon
– die Lösung der Wohnungsnot, insbesondere der Arbeiterschaft,
– bessere Ernährung durch professionelle Zubereitung,
– eine Erziehungs- und Bildungsreform über geschultes Personal,
– die Verberuflichung von Haus- und Heimarbeit,
– die Frauenemanzipation, auch als Ergebnis der Befreiung von Hausarbeit
– eine umfassende Familien- und Lebensreform
und geriet damit politisch von allen Seiten in Kritik.

Sofort witterte die bürgerliche Presse den Untergang des Abendlandes und bezeichnete das Einküchenhausprojekt als „Zukunftskarnickelstall“. Die Kultur der Familie wäre in Gefahr und damit auch die Gesellschaft insgesamt. Teile der Frauenbewegung lehnten das Konzept als zu weitgehend ab oder strebten statt dessen die Anerkennung der Hausarbeit als bezahlte Berufsarbeit an. Andererseits kritisierten die Sozialistinnen Lily Brauns Ideen als reformistisch. Clara Zetkin warf ihr vor, dass sich nur eine kleine Arbeiteroberschicht die Sache leisten könne und überhaupt wären Wirtschaftsgenossenschaften erst „nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat“ sinnvoll und realisierbar.

Trotz aller Kritik gründete Lily Braun 1903 eine Haushaltungsgenossenschaft GmbH, um damit ihre Einküchenhausidee zu verwirklichen. Der Architekt Kurt Berndt entwarf ein entsprechendes Haus für den Olivaer Platz, jedoch musste das Projekt bereits 1904 mangels Unterstützung und Finanzierung aufgegeben werden. In der Folgezeit übernahmen private Bauherren die Idee und realisierten die ersten Einküchenhäuser in Kopenhagen und Stockholm, dort allerdings für zahlungskräftigeres Klientel.

Haus in der Kuno-Fischer-StraßeIn Deutschland entstand schließlich 1908 das erste Einküchenhaus in der Kuno-Fischer-Straße 13 und bestand in dieser Form, mit einer Zentralküche im Untergeschoss, bis 1913. Die Baugesellschaft war im Jahr davor in Konkurs gegangen und vermutlich lag es an der Zusammensetzung der eher bürgerlichen Bewohnerinnen und Bewohner, dass das Projekt scheiterte. Das Gebäude ist heute ein gewöhnliches Haus mit Eigentumswohnungen und steht unter Denkmalschutz.

Weitere Versuche gab es in den Jahrzehnten darauf in verschiedenen Ländern, die sich in ihrer ursprünglichen Form nicht durchsetzen konnten. Statt dessen hielt die sogenannte „Frankfurter Küche“ im Wohnungsbau Einzug. Diese wurde von der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky aus Wien-Margareten mit dem Ziel, die häuslichen Arbeitsabläufe zu optimieren, entworfen und gilt als Vorgängerin der heutigen Einbauküchen, die mehr reiner Arbeits- als Wohnraum sind. Ein Exemplar davon steht im Bröhan-Museum. Inspiriert von Lily Brauns Ideen zeigten sich andererseits Architekten wie Le Corbusier, der seine „Unités d’Habitation“ als Großbauten plante, die alle für die Bewohnenden notwendigen Einrichtungen, wie Geschäfte, Restaurants, Kindergärten, Theater, usw. unter einem Dach bereitstellen sollten. Genossenschaftliche wie gesellschaftsverändernde Ansätze fehlten dabei jedoch völlig. Auch hiervon steht im Bezirk ein Beispiel (mit Abstrichen): das Corbusierhaus in der Flatowalle 16.

Ist das „Einküchenhaus“ nun ein Fall für die Geschichtsbücher oder höchstens für ein paar Landkommunen und besetzte Häuser? Es sieht so aus, aber gerade heute stellt sich wieder die Frage, inwieweit unsere derzeitigen Wohn- und Lebensformen zukunftsträchtig sind.  Die Ideen von Lily Braun bieten mit Sicherheit den einen oder anderen Denkanstoss und gerade, in ersten Moment, ungewöhnliche Gedanken sind mehr als nötig.

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